Das Rheingau und seine Weine
"Nichts macht mit der Landschaft vertrauter, als der Genuß der Weine, die auf ihrer Erde gewachsen und von ihrer Sonne durchflutet sind," sagte Ernst Jünger.
Der Rheingau, oder das Rheingau, wie die Rheingauer sagen, ist eine alte Kulturlandschaft. Dies belegen Funde aus der Steinzeit, der Hallstatt Zeit und der Jüngeren Eisenzeit. Auch die Kelten hinterließen Spuren. So verdankt der Rhein seinen Namen ursprünglich den Kelten. Griechen und Römer taten das ihre dazu. Aus "Rhenus" wurde schließlich "Rhein". Funde aus der Römerzeit legen die Existenz von ersten Weinbergen nahe. In der Epoche der germanischen Wanderungen wurden der Rheingau und das umliegende Gebiet durch Alemannen und Franken besiedelt. Die erste urkundliche Erwähnung des Rheingaus als eigener Gau findet sich 772 in einer Schenkungsurkunde. Aus dieser Zeit stammt auch die erste urkundliche Erwähnung des Weinbaus in einer Schenkungsurkunde mit der 779 zwei Weinberge in Walluf dem Kloster Lorsch vermacht wurden. Zu dieser Zeit war der Mainzer Einfluß schon sehr stark. Davon zeugen einige Kirchenbauten die der geistlichen Leitung des Domstiftes und seiner Nebenstifte unterstanden. Am 14. Juni 983 schließlich wurden dem Mainzer Erzstift unter Erzbischof Willigis von Kaiser Otto II. alte Rechte bestätigt, sowie in einer Schenkungsurkunde die Herrschaft über Bingen und Teile des heutigen Rheingaus übertragen. Die sogenannte Veroneser Schenkung bildete sozusagen die Keimzelle. Es sollten jedoch noch etwa 150 Jahre vergehen bis sich der Rheingau als fest geschlossenes Territorium der Mainzer Erzbischöfe präsentierte.
Einer von diesen, Erzbischof Bardo, gestattete Anfang des 11. Jahrhunderts seinen Untertanen die Rodung von Land zwischen Rüdesheim und Eibingen, zwecks Anpflanzung von Weinbergen. Bis 1226 fand unter der Ägide der Mainzer Erzbischöfe eine wesentliche Erweiterung der Weinbergsgemarkungen im Rheingau statt. Neue Ortschaften entstanden ebenso, wie neue weinbezogene Berufe.
Der Rheingau mag vor allem für seine Weißweine bekannt sein, so wird gerne übersehen, dass der Spätburgunder früher größere Bedeutung hatte. Im Hattenheimer "Schröderbruderschaftsbuch" aus dem Jahre 1442 fand die erste urkundliche Erwähnung der von den Mönchen aus der Burgund eingeführten Spätburgunderrebe statt, damals "Klebrot" genannt. Dies wohl auf Grund der Tatsache, dass die Gescheine des Spätburgunders stark klebrig sind.
Die Mönche von Kloster Eberbach erweiterten mit großem Geschick das Rebgelände, bauten den Wein mit Sachverstand und fortschrittlicher Kellertechnik aus und gründeten ein Handelsimperium mit eigenen Schiffen, das sich bis an die Ostsee erstreckte. Die Wirren des Bauernaufstands und die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs hinterließen ihre Spuren, konnten die erfolgreiche Vermarktung der Weine aber nicht aufhalten.
Von der Gründung weiterer Klöster profitierten auch die Bauern denn zusätzlich zur Leiharbeit war es ihnen möglich eigenes Land zu erwerben und bereits 1342 wurde eine, den Bürgerrechten in den Städten vergleichbare, Sonderstellung der Rheingauer im Rheingauer Weistum festgeschrieben. Nicht umsonst hieß es, Rheingauer Luft macht frei.
Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts stand der Rotweinanbau noch gleichberechtigt neben dem Weißwein.
Die Rieslingrebe ist sicherlich nicht jünger, setzte sich gegen die Burgunderrebe aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch.
In dieser Zeit erfuhr der Weinbau im Rheingau seinen größten Aufschwung.
Im Jahre 1775 hatte man auf Schloß Johannisberg unfreiwillig Erfahrungen mit edelfaulen Trauben gemacht. Ob es sich um eine Legende handelt, dass der Herbstkurier, der die Erlaubnis zum Lesebeginn vom Kloster Fulda einholen musste, unter die Räuber fiel und sich verspätete, sei dahingestellt. Auf jeden Fall waren die Trauben in diesem Jahr bei späterem Lesebeginn faul und die Menge stark reduziert. Es zeigte sich aber im darauf folgenden Frühjahr, dass die Weine von außerordentlicher Qualität waren.
In Fulda durchschaute Hofkellermeister Schild die Zusammenhänge und machte das "spätläßen zum Gesetze". So wurde die Spätlese auf Schloß Johannisberg geboren. Es dauerte allerdings noch eine Weile bis sich die Qualitätsmaßnahme der späten Lese auch bei den kleinen Winzern und der Obrigkeit durchsetzte.
Erst 1803, mit der unter Napoleon stattfindenden Säkularisation, fand die einzigartige Erfolgsgeschichte des Weinanbaugebietes Rheingau ein vorläufiges Ende. Mit dem Reichsdeputation-Hauptschluß zerrissen endgültig die Bande zwischen dem Bistum Mainz und dem Rheingau. Er gehörte fortan zum Herzogtum Nassau, einem souveränen Rheinbund-Staat unter dem Protektorat Napoleons.
In Nassau gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen Hochheim und Lorchhausen 3000 Winzer. Die meisten besaßen nur einige wenige Weinberge, die zur Existenzsicherung gerade so ausreichten. Viele waren dem Zehnten unterworfen.
Aus diesem Grund wollten sie frische, gesunde Trauben die eine größere Menge erbrachten. Dies war auch im Sinne der herzoglichen Beamten. Üblicherweise war der 16. Oktober Lesebeginn.
1822 jedoch startete der Eltviller Apotheker und Bürgermeister Johann Baptist Heckler, der später "Domänen-Inspector" des Fürsten Metternich wurde, einen Versuch. Er erntete an einem Tag in einem Weinberg je einen Korb mit faulen, halbfaulen und grünen Trauben und machte dem Regierungspräsidenten anschaulich klar, dass gestaffelte Lesetermine zu einer erheblichen Qualitätssteigerung führen würden.
Nun wurde eine Vor-, Haupt- und Spätlese eingeführt. Die Lesetermine legte nun der "Herbstausschuß" der einzelnen Gemeinden fest.
Ein Verfahren, dass sich nach und nach auch in anderen Weinbaugebieten durchsetzte.
In dieser Phase anfangs des 19. Jahrhunderts, kam es zur Entdeckung des "romantischen" Rheins durch eine gebildete Bürgerschicht. Das Sommerhaus der angesehenen Frankfurter Kaufmanns Familie Brentano war über ein Jahrzehnt der Treffpunkt Rhein begeisterter Romantiker wie Clemens Brentano, Bettina und Achim von Arnim und Karoline von Günderode, um nur die bekanntesten zu nennen. Auch Goethe, der einen regen Briefwechsel mit Bettina Brentano pflegte, weilte im September 1814 eine Woche in dem gastfreundlichen Haus.
Antonie Brentano erinnert sich folgendermaßen: "Von unserem guten Rheinweine konnte er aber ganz fürchterlich viel trinken, besonders von dem 11er, und mein Mann machte ihm oft eine große Freude mit dem Geschenk eines Fässchen Wein."
Die Revolution von 1848 ging auch am Rheingau nicht spurlos vorbei. Adam von Itzstein aus Hallgarten war einer ihrer Protagonisten. Wie wir wissen war die Revolution nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt.
1866, mit der Besetzung durch die Preußen endete die Epoche der Nassauer. Der Rheingau unterstand als eigener Kreis, mit Rüdesheim als Kreishauptstadt, nun dem Regierungsbezirk Wiesbaden. In diese Zeit fiel die Gründung der Lehr- und Forschungsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Geisenheim durch Eduard Lade 1872. Eine heute weltweit anerkannte Bildungsstätte.
Über den 1858er Aßmannshäuser Cabinetwein, 1871 gestiftet von Eduard Lade und als Ehrengabe der Rheingauer Weingutsbesitzer an Bismarck überreicht, schrieb dieser: "Er erinnert an den Burgunder Ursprung in mehr südlicher Lage als die Mehrzahl guter Rotweine. In Avignon habe ich vor langer Zeit alten "vin du Pape" von verwandtem Geschmack gefunden, aber der deutsche Vetter ist seinem Verwandten von der Rhone weit über den Kopf gewachsen! Aber unsere deutsche Sonne im Rheingau scheint dort feuriger zu sein als die vom Kaukasus und von Avignon. Ich habe wenigstens kein Produkt von annähernd gleicher Kostbarkeit von dort kennengelernt. Dabei habe ich die Empfindung, daß unser Landsmann ebenso gesund wie angenehm ist."
Bereits im 18. Jahrhundert hatte es in Frankreich verschiedene Lagenklassifizierungen gegeben, 1855 erfolgte die berühmte Bordeauxklassifizierung.
Der Rheingau machte 1885 den Anfang in Deutschland. Diese Klassifizierung, die die Güte der Böden und die Grundsteuereinträge der Lagen erfasste, unterstützte das weltweit hervorragende Ansehen der Rheingauer Rieslinge wesentlich. Rheingauer Weine wurden sowohl am Zaren- als auch am englischen Hof getrunken und Gewächse aus Rheingauer Spitzenlagen erzielten Höchstpreise, die häufig über denen der Weine aus Burgund, Bordeaux und der Champagne lagen.
Mit der zunehmenden Industrialisierung und dem Auftauchen der Reblaus in den 70-er Jahren des 19. Jahrhunderts änderte sich einiges für die Rheingauer Winzer, die über Jahrhunderte hinweg Spitzengewächse in alle Welt geliefert hatten. Vor allem für die kleineren Betriebe.
Zum einen wurde die Vermarktung zunehmend erschwert durch die Tatsache, dass eine Verarmung der Bevölkerung in den Ballungszentren Deutschlands stattfand, zum anderen kam es zu erheblichen Ernteausfällen durch die Reblaus. Um die Jahrhundertwende entstanden, aus der Not heraus neue Vermarktungswege zu finden, in vielen Orten Winzergenossenschaften.
In diese Zeit fiel auch die Gründung der "Vereinigung Rheingauer Weingüter" aus der später der "VDP" (Verband Deutscher Prädikatsweingüter) hervorging. Heute "VDP. Die Prädikatsweingüter". www.vdp.de
Während des Ersten Weltkriegs ging es den Rheingauer Winzern im Vergleich zu den Menschen in den Städten, die bitteren Hunger leiden mussten, noch verhältnismäßig gut. Aber auch die zwanziger Jahre mit Inflation und Wirtschaftskrise brachten keinen Aufschwung.
Mit der Machtergreifung Hitlers schien alles besser zu werden. Spätestens mit dem zweiten Weltkrieg jedoch, den die braune Diktatur anzettelte, war zu erkennen, dass die Wirtschaftsförderung nur dem Zweck der Aufrüstung diente.
Erst in den Jahren nach 1950, mit Beginn des deutschen Wirtschaftswunders, besserte sich die Lage, aber an die früheren glanzvollen Zeiten konnten die Rheingauer Winzer vorerst nicht anknüpfen.
Die Lagenreform Ende der 60-er Jahre und das neue Weingesetz von 1971 hatte dazu geführt, dass der Lagengedanke noch mehr in den Hintergrund geriet. Alte Lagenbezeichnungen verschwanden und die Parzellen wurden unter bekannten Lagennamen zusammengefasst. Dies trug der unterschiedlichen Charakteristik und Qualität der Lagen jedoch häufig nicht Rechnung.
So befanden sich plötzlich innerhalb einiger Spitzenlagen, Flächen mit weniger Potential. Der gewünschte Effekt, diese Flächen von den großen Namen profitieren zu lassen, führte im Gegenteil zu einem Verlust der Wertigkeit der Spitzenlagen.
Darüber hinaus hielten die Großlagen Einzug, welche keinerlei Rückschlüsse auf irgendwelche Lagencharakteristiken zuließen, so z.B. die Bezeichnung Rauenthaler Steinmächer. Sie umfasst acht Weinbergsgemeinden zwischen Eltville und Wiesbaden. Hier wird dem Verbraucher eine Lage vorgespiegelt, die es als solche gar nicht gibt.
Man trug hier dem Bedürfnis großer Kellereien Rechnung, größere Mengen an Wein unter einem Lagennamen vermarkten zu können.
Die 1999 erfolgte Lagenklassifizierung des Rheingau knüpfte mit den "Ersten Gewächsen" an die zwischenzeitlich verloren gegangene Tradition von 1885 wieder an.
Ausschließlich Weine aus genau definierten, limitierten Lagen, die für ihr Potential bekannt sind, Weine von Weltgeltung hervorbringen zu können, dürfen, unter starker Reglementierung der Anbaumethoden und mehreren äußerst strengen organoleptischen Prüfungen, als Erste Gewächse bezeichnet werden. Das "terroir", das einzigartige Zusammenspiel von Boden und Mikroklima wird durch die Fertigkeit des Winzers zur Erzeugung unverwechselbarer Weine mit großem Potential genutzt.
Bereits 1992 gehörte das Weingut Hans Lang mit drei weiteren Kollegen zu den Ersten, die ein Erstes Gewächs auf freiwilliger Basis, unter strengsten Qualitätsanforderungen erzeugten.
Rheingauer Wein hat heute seinen Platz in der Weltspitze zurückerobert, der Klassiker Riesling erlebt eine Renaissance.
Deutsche Rieslinge finden sich heute wieder auf den Weinkarten renommierter Gastronomiebetriebe.
Quelle: Karl Rolf Seufert, ...ist ein feins Ländlein